Briefe aus dem Hauptquartier:

 

Liebe Leipzig

 

Ach, der Titel kam erst nach der Einweihung, weil die sich recht "Hoch - zeitlich" angefühlt hat, inklusive dem gemeinsamen Bierantrunk und - drüberschütten mit Frau Werner. Vielleicht war das die eigentliche Hochzeit. Aber hinterher ist der Titel auch brauchbar, weil im Baumstamm Form und Natur eigentlich eine schöne Ehe gefunden haben.

Die Arbeit selber aus Holz (Robinie/2003) ist in Worpswede entstanden und kam das erste Mal für "Was das ich von selber lernt nach Leipzig und der GfZK (2014), da hieß sie irgendwas mit "Winky Twinky", wegen den 2 Armen wahrscheinlich.

Als sie das allererste Mal im Kultusministerium in Hannover auftauchte hieß sie noch (Doppelabfluss),auf einem Abflusselement aus Beton. Da war sie Teil einer Gesamtinstallation, die hieß "Skulpturamt/ Ablage P-G" (gleichnamiger Katalog müsste in der Bibliothek bei euch sein).

soweit mal die Fakten....

P.S.: Jetzt ist noch ein Jahr dazugekommen ohne daß ich die Fränkische Hochzeit selber besuchen konnte. Meine Schwester war mal zwischendrin da und hat sie ihren Kollegen gezeigt mit denen sie was beruflich in Leipzig zu tun hat. Sie ist ganz begeistert, wie echt das aussieht und ich sag dann immer:"Da kann ich nichts dafür, das war die Gießerei.“ Die haben das so herausgearbeitet beim Ziselieren und Patinieren. Man hat fast ein bisschen den Eindruck das Holz sei verkohlt.

Die Gießerei Lenz liegt in Nürnberg in der Burgschmietgasse und wurde 1829 gegründet von Daniel Burgschmiet. Heute leitet den Betrieb Sabine Jahn, die ihn von ihrem Vater übernommen hat. Ausgebildet wird auch und zwar zum Metall- und Glockengießer in der Fachrichtung Kunstguss. Martina Gebhard war im dritten Lehrjahr als die Skulptur entstand und war wesentlich an der Oberflächenbearbeitung beteiligt.(siehe https://vimeo.com/335827858 11:13)

Ich hab die einfach machen lass und sie dann zwei Monate später abgeholt und mit meiner Mutter im Auto nach Leipzig gebracht, Zwischenstopp in Naumburg eingelegt und Spargel am Markt gegessen. Es war ja Ende April. Zum Dom sind wir auch noch aber rein sind wir nicht. 14 Euro für die Ursula = bisschen teuer. Was ich allerdings vorher in Nürnberg gemacht habe - nach der Abgabe der Skulptur in der Gießerei - bin ich in die St. Sebaldskirche rein. Da steht das Grabmal von St. Sebald, das der Erzgießer Peter Vischer um 1510 gestaltet hat. Das ist was man in der dritten Klasse Heimat-und Sachkunde gelernt hat. Das steht auf Schildkröten und am Eingang kann man sich ein schönes Faltblatt geben lassen, wo alle Elemente erklärt werden. Hinterher bin ich zum Konditor "Neef“ und habe einen Humpen Kaffee und Mandelkrug verdrückt. Es war so sonnig und ich ganz elektrisiert von der Inauftraggabe des Gußes.

Während das Arbeiten mit Holz lange zurückgeht, hab ich mit Bronze kaum Erfahrung. Aber in Umea/Schweden an der Kunsthochschule hab ich einen Kurs bekommen von Tryggve Lundberg. Das war eine verschrumpelt Avocado, die ich bei meiner Ankunft gekauft, aber nie gegessen habe. Die war jetzt mindestes vier Monate alt. Erst mit Silikon bepinseln, dann die Wachsform und zum Schluss das kochende Metall in die Form rein. Die haben wir dann draußen auf dem Parkplatz der Schule in einem großen Felsbrocken verankert. Eine Art Denkmal für mein dortiges Dasein, dass “Production as Process” hieß, aber bei mir immer nur unter „"Payback IKEA“ läuft. 1 Woche später hat dann einer die Avocado mitgenommen ohne Fels.

Maria Lind war eingeladen, die Schule als kuratorische Plattform zu nutzen. Ich bin im Januar hin bei minus 20 Grad mit dem Nachtzug von Stockholm und am Morgen war es immer noch Nacht da oben. Gewohnt habe ich in der Gästewohnung. Im Laufe der Zeit habe ich mich dann durch die unterschiedlichen Bereiche und Werkstätten der Schule durchgearbeitet, habe Langlaufen begonnen auf dem zugefrorenen Fluss, einen Malersaal errichtet, in dem niemand außer mir malen wollte und die lokale Künstlergalerie „Verkligheten“ für einen Monat mit der Wiedergabe meiner Diplomausstellung (Fort Krauss/1996) beglückt.

In Umea habe ich begriffen, was dass heißt, wenn man seine eigene Residency aufsetzt. Zuvor war ich ja in Balmoral und Worpswede, aber da fällst du ganz schnell in dieses Institutionstrauma. Da sind Künstler und nächstes Jahr kommen wieder welche und das war alles fantastisch und ich profitiere heute noch von diesen zwei Jahren irgendwo in der Welt fast nur mit sich und “Was machst du denn jetzt?” Aber da in Schweden, da war direkt eine Dringlichkeit da, weil es da zwar Kunststudenten und Lehrer gab, aber meine Rolle undefiniert. Und das zu erleben, wie eine Praxis dein Dasein, deine Identität aber auch alles Soziale bestimmt ist faszinierend, weil es im Kontrast zum Ästhetischen steht. Plötzlich kippt  das die ganze Zeit um in Wirklichkeit. Also das sich Aussetzen von Wirklichkeiten und Unwirtlichkeiten ist seit dem und zuvor ein immer wiederkommender Parameter meines kreativen Daseins.

Zurück nach Leipzig! Um die “Fränkische Hochzeit” hab ich ein kleines Gärtchen gepflanzt oder sagen wir wiederbelebt. Ich hatte da 2014 für “Was das ich von selbst erfährt” schon eine Anpflanzung gemacht und mit Hilfe unterschiedlich gefärbten Kies ein Leiter-Motiv ausgelegt. Das sah sehr gut aus von der Terrasse oben im Altbau. Aber zuerst hatte ich einen großen Kreis in den Efeu geschnitten. Der wurde dann eine pflanzliche Bettdecke innen im Ausstellungsraum. Und eine Bank haben wir dahin gerückt. Da stand dann ab und zu ein leeres Schnapsfläschchen drauf.

Da machen wir jetzt weiter. Der Garten soll ein bisschen mehr nach vorne kommen. Hier und da was gepflanzt werden. Vielleicht legen wir Hochbeete an und begrünen die Baumscheiben vor der GfZK. Eine Christbaum-Plantage möchte ich starten. Ein paar Test-Blumentöpfe aus Holzstämmen habe ich gemeißelt und teste gerade die mögliche Bepflanzung. Wahrscheinlich Sukkulenten und/oder alpine Wuchsformen. Die Stämme stehen auf ihrer jeweiligen Stirnseite und haben vorne zwei Nasenlöcher. Ja, und oben wächst dann das Nasenhaar raus.

Zurück zum Anfang:  wenn ihr selber eine “Fränkische Hochzeit” machen wollt, dann bringt ihr am besten zwei Flaschen Bier mit – am besten natürlich aus Franken (gibt es in Leipzig bei “Bier and Roll”; Naumburgerstr. 42) und nicht die Schnuller-Limo, die bei euch gebraut wird – öffnet es, stoßt an, gebt der Skulptur auch einen Schluck und das war es dann.

 

So, Ich freu mich auf Euch, weil das ist da, wo ich was begreife und was lerne: bei der Arbeit oder ich bestell was und muss dann schauen, wie ich damit zu recht komme.

Bis ganz bald!

 

Euer Bendie